Wie kann ich mich Ent-schleunigen?

Wie bitte, ent-schleunigen? Das etwas seltsam klingende Verb hat bisher wohl kaum Eingang in unseren täglichen Sprachgebaruch gefunden. Wie denn auch? Das Leben auf der Überholspur kennt nur einen physikalischen Vorgang: die Be-Schleunigung. Warum also plötzlich das Tempo drosseln?

Das ist eine Frage, die sich jeder von uns stellen sollte, in einer Zeit, in der alles sehr hektisch verläuft und jeder von uns das Gefühl hat, nicht mehr Schritt halten zu können, wenn er nicht 48 Stunden/Tag arbeitet. Großstädter neigen dazu, die natürliche Gelassenheit außer Acht zu lassen. Das ständige Gefühl, noch dies und das erledigen zu müssen, zwingt uns dazu, ständig auf 200 % zu leben. Der Spruch „Was du heute kannst besorgen...“ findet in der heutigen Zeit mehr Beachtung als der Spruch „In der ruhe liegt die Kraft“.

Warum aber ist das so?

Wir beschäftigen uns mit sehr vielen Nichtigkeiten - und das Tag für Tag. Der Mensch hat verlernt, seine Prioritäten richtig zu setzen. Warum gibt es heutzutage bald mehr Fälle von Burn Out als von Grippeinfektionen? Menschen, die auf dem Land leben, haben meist eine längere Lebenserwartung als die eines Großstädters. Sei es der guten Luft geschuldet oder einfach nur, weil die Arbeit auf dem Land ruhiger verläuft als in einer großen Werbeagentur mitten in Berlin.

Wir haben verlernt, richtig abzuschalten. Viele Menschen setzen sich selbst unter Druck, weil sie denken, anderenfalls Ärger vom Chef zu bekommen. Das sind zum größten Teil eigene Ansichten: Viel zu oft entscheiden wir selbst zu wissen, was der Chef denken oder sagen könnte, wenn man einmal nicht dies und das schafft. Doch der Chef ist nicht immer der Böse - sondern wir selber sind es! Ich kenne nur sehr wenige Fälle, in denen ein Chef gesagt haben soll, man könne die Segel streichen, sollte man etwas nicht gemacht haben. Meist legen wir unseren Vorgesetzten Worte und Gedanken in den Mund, die er gar nicht verwenden würde.

Effizientes Arbeiten bedeutet nicht, dass man jeden Tag die Arbeit von drei Tagen schaffen muss, sondern es bedeutet vielmehr, dass man die Prioritäten richtig setzen sollte. Besser ist es, wenn man sich immer nur so viel vornimmt, wie man an einem Tag auch wirklich schaffen kann. Den schlimmsten Fehler begeht man, wenn man dann auch noch die Arbeit mit nach Hause nimmt. Keiner hat gesagt, dass man dies tun soll und dennoch erwischt man sich am Ende mit dem Laptop im Bett, um noch schnell einen Bericht fertig zu bekommen, den man am Tag nicht geschafft hat.

Warum machen wir so etwas?

Vieles wird von unseren Ängsten geschürt. Die Angst zu versagen, die Angst morgen seinen Job los zu sein oder das Drei-Tages-Pensum morgen wieder nicht zu schaffen. Wichtiger ist es, den inneren Ruhepunkt zu finden. Wir verbringen mehr Zeit damit, irgendwelche Bücher über Entspannung durchzulesen als wirklich mal zu entspannen. Dadurch entsteht wieder Druck und man liegt abends wach im Bett und ärgert sich darüber, dass man wieder nicht entspannt hat, sondern nur darüber gelesen hat, wie man entspannt.

Entspannung bedeutet abschalten und sich über sich selbst bewusst werden. Die besten Entspannungsübungen helfen nicht, wenn man ständig über den nächsten Arbeitstag nachdenkt oder am Wochenende ständig über die vergangene Woche nachdenkt - über das, was man wieder nicht geschafft hat.

Der Mensch denkt immer. Das lässt sich nicht verhindern. Selbst, wenn er versucht, an nichts zu denken, denkt er doch darüber nach, wie er an nichts denken könnte. Das Nichts ist immerhin auch eine Form des Seins - ohne jetzt in die Esoterik abzuwandern, sondern rein wissenschaftlich betrachtet. Was den Menschen fehlt ist Ruhe. Richtige Ruhe. Absolute Stille. Es wirkt Wunder, wenn man sich in eine völlig stille Umgebung begibt und für zwei Stunden diese absolute Stille auf sich wirken lässt. Das ist Entspannung pur. Nichts zu hören und am besten auch noch in völliger Dunkelheit.

Als Großstädter hat man dies leider nur sehr selten bis gar nicht, dabei wäre es dringend notwendig. Völlige Leere, das absolute Nichts ist das, was einem Großstädter fehlt. Wir sind zu jeder Sekunde unseres Lebens durch äußere Einflüsse bestimmt. Sei es das Rauschen des Windes, der schon nicht mehr bewusste Flüsterton des Staßenlärmes vor unserer Haustür oder oder oder... Wir sind ständig aufmerksam, auch wenn wir es eigentlich gar nicht sein wollen. Die perfekte Ruhe kennt kaum jemand.

Wenn wir jung sind, vermag das noch nicht ein so großes Problem zu sein,  aber je älter wir werden, desto mehr fällt uns diese ständige Unruhe auf. Den wirklichen Ruhepol kann man so nicht finden. Da helfen selbst die besten Yogaübungen nicht viel. Diese geben uns nur bedingt Kraft für die nächste Hürde des 48-Stunden-Tages.

Zwei Stunden in völliger Leere helfen da viel mehr. Die ersten 15 Minuten kommt ein Gefühl der Panik auf, aber dann allmählich lassen wir uns fallen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - und das wird einem in solchen Momenten klar. Es wirkt sogar schon Wunder, wenn man zum Schlafen Ohrstöpsel verwendet und es sogar noch schafft, das Zimmer so zu verdunkeln, dass man absolut gar nichts mehr sieht. Das Problem bei Ohrstöpseln ist nur - da sie ein Fremdkörper sind - dass sie uns eher stören und dafür sorgen, die äußeren, aber nicht die inneren Geräusche abzustellen. Da gluckert dann der Magen oder man hört den Lauf des Blutkreislaufes. Es ist schwierig, diese absolute Ruhe zu finden. Menschen, die auf dem Land leben, haben dieses Phänomen jedoch öfter.

Es gab vor kurzem die Diskussion über Lichtverschmutzung in deutschen Großstädten. Warum muss Tag und Nacht ständig Licht an sein? Geht es denn nicht auch anders? Kann man so etwas nicht besser steuern? Dieses Thema ist nur der Anfang von vielen weiteren Themen, die uns alle demnächst beschäftigen werden.

Die größte Naturkatastrophe sind wir selbst, denn wir berauben uns jeden Tag unserer natürlichen Eigenschaften. Wir sollten vielmehr anfangen, uns auf unseren Ursprung zu konzentrieren, statt immer nur der nächsten Innovation nachzujagen. Wer weiß, vielleicht würde der Mensch dann entdecken, dass er wesentlich mehr kann, als er bis jetzt erahnte. Wenn man sich vorstellt, dass wir gerade einmal 10 % unserer Hirnkapazität nutzen, würden wir vielleicht langsam zu dem Punkt kommen, an dem wir anfangen, die anderen 90 % ebenfalls einzusetzen. Und könnte Ent-schleunigung schließlich mehr Leistung bedeuten? Bedeutet Schnelligkeit zu guter Letzt nicht Langsamkeit? Ein Widerspruch? Bei näherer Betrachtung, wie eingangs beschrieben, keinesfalls. Zeit, dass dieses Verb in der Zukunft auch zum Wort des Jahres gewählt wird.

Wer weiß, wer weiß.

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